Eingeborenensprache in Kanada


 
von Regina Schwojer
 
Welcome to Edmonton! Bienvenue a Edmonton! miyoteh ka wisamiht awîyak pihcâyihk amiskwaciwâskahikan!
 
Keine Sorge, Sie haben richtig gelesen. In Kanada gibt es neben den beiden Amtssprachen Englisch und Französisch und vielen Minderheitensprachen nämlich auch zahlreiche Eingeborenensprachen (auf Englisch bitte politisch korrekt „Indigenous languages“ oder „Aboriginal languages“), die wir Ihnen in diesem Blogartikel etwas näher bringen wollen.
 
Der obige Satz ist übrigens auf Cree verfasst, eine der größten und weit verbreiteten „Indianersprachen“ in Kanada. In der Cree-Silbenschrift würde „Willkommen in Edmonton“ so aussehen: ᒥᔪᑌᐦ ᑲ ᐃᐧᓴᒥᐦᐟ ᐊᐄᐧᔭᐠ ᐱᐦᒑᔨᕁ ᐊᒥᐢᑲᐧᒋᐋᐧᐢᑲᐦᐃᑲᐣ
 
(Wer noch mehr Wörter übersetzen möchte, findet mit diesem Link ein Englisch-Cree-Wörterbuch
 

Große Vielfalt an Eingeborenensprachen vor der Besiedelung Kanadas


 
Man schätzt, dass vor der Ankunft der weißen Siedler in Kanada rund 450 verschiedene Eingeborenensprachen und -dialekte gesprochen wurden. Diese Sprachen und Dialekte gehörten zu elf verschiedenen Sprachfamilien und waren also auch untereinander sehr divers.
 
So rosig sieht die Situation heute leider nicht mehr aus: Einige Sprachen sind bereits ausgestorben und viele werden als bedroht eingestuft. Viele Sprachen verfügen nur noch über sehr wenige Sprecher. Die Sprecher werden zudem immer älter, da viele Kinder die Eingeborenensprachen nicht mehr lernen.
 
Nur rund ein Viertel der indigenen Bevölkerung spricht zu Hause eine indigene Sprache, der Anteil der Muttersprachler ist allein im letzten Jahrhundert von 87 % der eingeborenen Kanadier auf 19% gesunken.
 
Interessante Details zu den heute noch gesprochenen „Indianersprachen“ in Nordamerika finden sich unter http://www.ethnologue.com/14/ oder http://www.native-languages.org/.
 

Warum sterben die Eingeborenensprachen aus?


 
Die Gründe für das Verschwinden der „Indianersprachen“ sind vielzählig. Zum einen sind Englisch oder Französisch im modernen Leben dominant, sodass man am Arbeitsplatz, innerhalb des kanadischen Bildungssystems und bei modernen Technologien mit den Eingeborenensprachen nicht weit kommt.
 
Der Sprachverlust wurde eventuell auch dadurch begünstigt, dass die Eingeborenensprachen (ursprünglich) alle mündliche Sprachen waren. Zudem sind vor allem zur Zeit des ersten Kontakts mit den weißen Siedlern viele indigene Völker an eingeschleppten Krankheiten gestorben.
 
Der wahrscheinlich ausschlaggebendste Grund für den Sprachverlust waren jedoch die „residential schools“. Für mehr als ein Jahrhundert wurden insgesamt über 150.000 Kinder von ihren Familien getrennt und in sogenannten „residential schools“ in Landwirtschaft, Hausarbeit sowie Lesen, Schreiben und Rechnen unterwiesen. Das erklärte und offizielle Ziel dieser Einrichtungen war: „Kill the Indian, save the child“.
 
Man wollte mit dieser Direktive die Kinder von ihren indigenen Wurzeln trennen, um sie für ein Leben in der weißen Gesellschaft zu „erretten“. Somit wurden den Kindern dieser Internatsschulen nicht nur alle traditionellen Bräuche und die Ausübung ihrer Religion rigoros untersagt, auch das Sprechen der Eingeborenensprachen wurde aktiv verhindert.
 
In den „residential schools“ wurden Geschwister getrennt und Kinder aus verschiedenen Stämmen gemischt, sodass sie sich nur auf Englisch verständlich machen konnten. Zwar variierten die Maßnahmen von Schule zu Schule, aber das Gesamtbild ist dennoch erschreckend: Die Maßnahmen reichten von Belohnungen fürs Englischsprechen, über Strafen wie Nahrungs- und Schlafentzug bis hin zu Prügeln und Misshandlungen.
 
Natürlich konnten die Kinder, die von ihrer Familie getrennt aufwuchsen ihre „Muttersprache“ nicht lernen. Viele gaben ihre Sprache nach der „residential school“ auch nicht an ihre Kinder weiter, weil sie ihren Kindern keine Steine in den Weg legen wollten oder sie schließlich glaubten, was ihnen eingeredet wurde: dass die Eingeborenensprachen, genau wie die Kultur, rückständig und nutzlos seien.
 
Die traurige Konsequenz dieser (Sprach)Politik in Kanada ist Folgendes: Man schätzt, dass ohne Spracherhaltungsmaßnahmen in hundert Jahren nur drei Sprachen auf Grund ihrer großen, verbliebenen Sprecherzahl überleben werden: Cree, Ojibway und Inuktitut.
 

Hoffnungsvolle Zeichen für den Erhalt der verbliebenen indigenen Sprachen


 
Es gibt jedoch auch hoffnungsvolle Zeichen: Erstens gehören die „residential schools“ jetzt der Vergangenheit an, die allerletzte wurde 1996 geschlossen. Lesen Sie dazu auch Premier Minister Harpers Entschuldigung für die Politik der „residential schools“:
 
Den indigenen Bevölkerungsgruppen wurde die Verantwortung für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zurückübertragen.
 
Das Interesse an den Eingeborenensprachen nimmt in letzter Zeit stark zu. Die Initiativen zur Wiederbelebung und Bewahrung der Eingeborenensprachen reichen von lokalen Grassrootprogrammen über bilingualen Unterricht an Schulen bis hin zu Forschungs- und Dokumentationsarbeit an Universitäten. Ob das aktuelle Niveau an Engagement und Geldern von Seiten der Regierung ausreicht, um das Aussterben der einst so diversen Eingeborenensprachen zu verhindern, bleibt abzuwarten.
 
 

Über die Autorin

Regina Schwojer ist Werkstudentin bei Sprachenlernen24.
Sie hat einen Spezialwortschatz für Au-pairs entwickelt und widmet sich neben Korrekturen und redaktionellen Tätigkeiten der Erarbeitung der Grammatiken zusammen mit den jeweiligen Muttersprachlern. Bisher hat Regina die Grammatiken des Rumänischen, des Finnischen, des Italienischen und des Spanischen mitentwickelt.
 
Seit April 2008 studiert Regina Anglistik, Italianistik und die Didaktik des Deutschen als Fremdsprache an der LMU München. Im Rahmen ihres Studiums beschäftigt sie sich am liebsten mit Literatur. Sie möchte auch in Zukunft im großen und spannenden Tätigkeitsbereich der Sprachvermittlung bleiben.
 
Auch in ihrer Freizeit lernt Regina gerne Sprachen: Sie spricht mit großer Begeisterung Spanisch und Niederländisch, sodass sie es (wenn man ihre passiven Bairischkenntnisse und das Französisch aus der Schulzeit außen vor lässt) auf fünf Sprachen bringt.
 
Regina reist viel und hat schon mehrmals längere Zeit im Ausland verbracht. Sie spielt Gitarre und tanzt alles von Standard über Zumba bis Salsa. Regina geht gerne laufen, schwimmen und radeln und hat sich vorgenommen, irgendwann an einem richtigen Triathlon teilzunehmen.
 

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