Tipps zum Lesen lernen fremder Schriften


 
von Christine Tettenhammer
 
Wenn Sie daran gehen, eine neue Schrift zu lernen, hängt die Schwierigkeit dieses Unternehmens stark davon ab, um welche Art von Schrift es sich hier handelt. Je nachdem, welcher Schriftklasse eine Schrift zugeordnet werden kann, ist das Erlernen der neuen Schrift – für jemanden, der als erstes die lateinische Schrift gelernt hat – mehr oder weniger schwierig.
 
Welche Arten bzw. Klassen von Schriften gibt es denn?
Bei der Beantwortung dieser Frage sind sich die Sprachwissenschaftler (wie so oft) nicht ganz einig. Wir ersparen Ihnen an dieser Stelle aber den Gelehrtenstreit in seinen Untiefen darzustellen und stellen Ihnen drei Klassen von Schriften vor:
 

Arten von Schriften

Es gibt drei Arten von Schriften, die wir unterscheiden:
die Alphabetschriften, die Silbenschriften und die logographischen Schriften.
 
Bei einer Alphabetschrift lernt man immer einen Buchstaben, der einen Laut der Sprache symbolisiert.
Beispiele für Alphabetschriften sind das lateinische Alphabet, das griechische Alphabet oder auch das kyrillische Alphabet.
 
Kennzeichen einer Silbenschrift ist, dass ein Zeichen eine Silbe symbolisiert.
Die indische Devanagari-Schrift, mit der unter anderem Hindi zu Papier gebracht wird, ist zum Beispiel eine Silbenschrift.
 
Bei logographischen Schriften schließlich, steht ein Bildzeichen für ein Wort. Ein Zeichen einer solchen Sprache heißt dann „Logogramm“.
Manche Zeichen des Chinesischen sind zum Beispiel solche Logogramme. Die Zahl „drei“ schreibt man in China so: 三.
Ebenfalls in China beheimatet ist die Dongba-Schrift der Naxi. Die Naxi sind eine Volksgruppe in China, die heute noch einige Texte mit dieser Bilderschrift schreiben, die im 13. Jahrhundert entstanden ist.
 
Jede Schriftart, die wir hier kurz beschrieben haben, stellt uns beim Lernen vor andere Hürden und Herausforderungen.
 

Tipps zum Lernen von Alphabetschriften

Für alle, deren Muttersprache Deutsch ist, sind Alphabetschriften in der Regel gut zu erlernen. Da das Deutsche mit dem lateinischen Alphabet geschrieben wird und selbiges zu den Alphabetschriften zählt, kennt jeder Deutsche das Konzept, das hinter der Schrift steht.
 
BuchstabeAussprache
lateinische SchriftA , a[a]
griechische SchriftA , α[a]
kyrillische SchriftА , а[a]

 
Ist das nicht toll?
Sie kennen schon den jeweils ersten Buchstaben der griechischen und der kyrillischen Schrift!
 
Genauso sollten Sie beim Lernen einer Alphabetschrift auch weiter vorgehen:
Vergleichen Sie die Buchstaben und ihre Aussprache mit den Buchstaben und Lautungen des lateinischen Alphabets.
 
  • Lernen Sie zuerst alle Buchstaben, die gleich geschrieben werden.
    Vergleichen Sie die Aussprache dieser Buchstaben mit der Aussprache der lateinischen Buchstaben. Buchstaben, die genauso geschrieben und gesprochen werden, wie im lateinischen Alphabet, brauchen Sie ja gar nicht neu lernen!
  • In einem zweiten Schritt suchen Sie im Alphabet der neuen Schrift nach Buchstaben, die zwar anders geschrieben aber genauso gesprochen werden wie ein Buchstabe des lateinischen Alphabets.
    In diesen Fällen müssen Sie das Umdenken üben – Sie sehen einen unbekannten Buchstaben, aber Sie sprechen einen bekannten Laut. Schreiben Sie sich Blätter mit diesen Buchstaben. Lesen Sie diese dann immer wieder laut vor, dass Sie sich an diesen Unterschied zwischen Lesen und Sprechen gewöhnen.
  • In Schritt drei müssen Sie nun alle Buchstaben lernen, mit denen Sie sich bisher nicht beschäftigt haben.
    Schreiben Sie sich auch zu diesen vollkommen neuen Buchstaben ein Vorlese-Blatt und lesen Sie sich dieses – gerade zu Beginn des Lernens – mehrmals am Tag laut vor.

Tipps zum Lernen von Silbenschriften

Beim Lernen von Silbenschriften müssen Sie zwischen einigen Unterarten unterscheiden, von denen jede ihre eigenen Hausforderungen an Sie als Lerner stellt.
 
Beginnen wir mit den Konsonantenschriften:
Bei einer Konsonantenschrift werden nur die Konsonanten und keine Vokale geschrieben. Mit diesem Kennzeichen stellen Konsonantenschriften eigentlich eine Mischform aus Alphabet- und Silbenschrift dar.
Ein klassisches Beispiel für solcherart Schrift ist die arabische Schrift. Vielleicht haben Sie auch als erstes an die hebräische Schrift als Beispiel hierfür gedacht.
 
Wenn Sie eine solche Schrift lernen, sollten Sie sich Bücher für Schulkinder besorgen, die diese Sprache lernen. Im Hebräischen zum Beispiel verwenden die Leseanfänger eine „punktierte Version“ der hebräischen Schrift. In dieser punktierten Version werden die Vokale, die in einem Wort vorkommen, mit Punkten über oder unter dem Konsonantenzeichen dargestellt.
 
So lernen Sie als Anfänger die Vokale mit. Später können Sie dann bestimmt die Wörter auch ohne Punktierung lesen und verstehen – so werden sie nämlich in jedem normalen hebräischen Schriftstück dargestellt.
 
Wenn Sie keine Gelegenheit haben mit solchen Kinder-Lernmaterialien zu üben, sollten Sie sich Lernmaterial besorgen, bei dem Sie jedes Wort mit seiner Aussprache hören können. Da keine Vokale geschrieben werden, müssen Sie sich also die Aussprache eines jeden Wortes gut einprägen.
 
Eine weitere Unterart der Silbenschriften sind die sogenannten Abudiga-Schriften.
Hier werden zunächst auch nur die Konsonanten geschrieben – aber jeder Konsonant trägt automatisch einen Vokal in sich. Dieser Vokal (in der Regel ist das ein A) wird also mit jedem Konsonanten mitgeliefert und auch mitgesprochen.
 
Es gibt dann weitere Zeichen, die bedeuten, dass der Vokal nicht gesprochen werden darf, sondern wegfällt. Und es gibt natürlich Zeichen, die bedeuten, dass statt des „normalen Vokals“ andere Vokale (ein E, ein I, ein U oder ein O) mit diesem Konsonanten zusammen gesprochen werden sollen. Beispiele für Abudiga-Schriften sind indische Schriften, wie die Devanagari- oder die Gurmukhi-Schrift. Aber auch die Schrift Äthiopiens zählt man zu dieser Untergruppe von Schriften.
 
Wenn Sie eine solche Schrift lernen, empfehlen wir Ihnen, dass Sie sich Übungsblätter schreiben. Auf diesen Übungsblätter variieren Sie dann das Konsonantenzeichen mit all seinen Kombinationsmöglichkeiten an Vokalen. Schreiben Sie diese Laut-Reihen immer wieder ab und sprechen Sie dabei die Kombinationen laut aus.
 
Wir zeigen Ihnen dieses Prinzip hier am Beispiel der indischen Gurmukhi-Schrift:
 
ਭਾਭਿਭੀਭੁਭੂਭੇਭੈ ਭੋਭੌ
kakikukekaikokau

 
Klassische Silbenschriften sind die japanischen Kana-Zeichen. Hier müssen Sie zu jedem Zeichen de richtige Aussprache und den richtigen Ton lernen.
 
Vor allem musikalisch begabten Menschen fällt das Lernen der Aussprache solcher Schriftzeichen leichter. Aber im Grunde können wir Ihnen zu dieser Art von Schrift nur den Rat geben, viel zu lernen und die Zeichen und ihre Aussprache wieder und wieder zu wiederholen.
 

Tipps zum Lernen von Logogrammen

Logographische Schriften kommen beim Lernen allen entgegen, die ein bildhaftes Gedächtnis haben.
 
Es gibt aber heute keine Schrift mehr, die nur aus Bildzeichen besteht. Selbst die oben kurz angesprochene Dongba-Schrift der Naxi in China verwendet nur 90 Prozent Bilder als Zeichen. Mit diesem hohen Anteil steht diese – vom Aussterben bedrohte Schrift – übrigens alleine da. Chinesisch und die japanischen Kana-Schriften haben einen weitaus geringeren Anteil an Piktogrammen.
 

Weiterlesen! Blogartikel über fremde Schriften

Auf unserem Weblog haben wir in der Vergangenheit schon zahlreiche fremde Schriften näher vorstellt. Wenn Sie meine Tipps gleich einer Feuerprobe unterziehen möchten, können Sie hier anfangen, neue Schriften zu lernen.
 
Damit Sie sich auch unter den Schriften etwas vorstellen können, haben wir immer auch die Übersetzung des Wörtchens „ja“ hinter dem Link abgedruckt.
 
 

Über die Autorin

Christine Tettenhammer ist Chefredakteurin bei Sprachenlernen24.
 
Zusammen mit ihrem Redaktionsteam verantwortet sie den Sprachenlernen24-Blog, betreut die redaktionelle Erarbeitung der Grammatiken und entwickelt neue Softwarekonzepte.
 
Christine hat von 1999 bis 2004 Kommunikationswissenschaft, Amerikanistik und Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert.
Sie ist ausgebildete Sprecherin und leiht all unseren Deutschaufnahmen ihre Stimme.
In ihrer Freizeit findet man Christine auf Münchens ältester, noch spielender Laienbühne.
 
Sie spricht Englisch, Bairisch, Portugiesisch und Spanisch – verfügt außerdem über erweiterte Grundkenntnisse in Französisch, Kroatisch und Chinesisch.
 
Wenn Christine ins Kino geht, schaut sie sich Filme am liebsten im Original an.
Ihre Liebe zu Büchern in der Originalsprache bekommen auch ihre Bücherregale zu spüren, deren Regalbretter nicht nur an deutschen Autoren schwer zu tragen haben, sondern auch reich befüllt sind mit Werken von Burrhus Frederic Skinner, Philip Roth, Jonathan Safran Foer, Fernando Pessoa, Jorge Amado und vielen anderen.

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