Einführung in die türkische Grammatik: Die große und kleine Vokalharmonie


 
von Arnold Tiberiu Tolnai
 
Ein herausragendes Kennzeichen der Turksprachen ist ihr agglutinierender Sprachbau, dessen zentrales Prinzip darin besteht, Nachsilben an ein Wort anzuhängen.
 
Durch das Anhängen dieser Suffixe kann die Bedeutung erweitert oder verändert werden.
Das ist auch der Grund dafür, dass man im Türkischen komplexe Sachverhalte mit nur einem Wort ausdrücken kann, da viele Informationen in nur einem Ausdruck stecken.
Nehmen wir als Beispiel das türkische Wort okullarda:
 
Der erste Teil des Wortes (okul) bedeutet „Schule“ oder auch „die Schule“. Ganz genau kann man das im Türkischen nicht unterscheiden, denn es gibt keinen bestimmten Artikel.
 
Der Plural – die Mehrzahl - von Schule heißt auf Türkisch: okullar (und auf Deutsch natürlich: die Schulen).
Okullarda schließlich kann man mit „in den Schulen“ ins Deutsche übersetzen. (Karşıdakiler heißt beispielsweise „diejenigen, die sich gegenüberstehen“ oder yaptırmayacca ğiz bedeutet „wir werden nicht tun lassen“.)
 
Das Türkische besitzt eine einfache und sehr logische Grammatik, die von nahezu mathematischer Schönheit ist. (So kann beispielsweise bereits am Infinitivstamm eines Verbs erkannt werden, ob das Verb die Endung -mek oder -mak bekommt).
 
Insgesamt ist die türkischen Grammatik von nur wenigen Ausnahmefällen geprägt, was dem Türkisch Lernenden sehr zu Gute kommt. Außerdem gibt es kein grammatisches Geschlecht und keine Artikel (außer bir "ein", "eine").
 
Allerdings muss man sich als Türkischanfänger, zuerst einmal mit den Vokalharmonien auseinandersetzen und diese gut verinnerlichen. Im nächsten Abschnitt erklären wir Ihnen die wichtigste Grundlage der Türkisch-Grammatik, ohne die kein grammatisches Phänomen verstanden werden kann.
 

Die kleine Vokalharmonie im Türkischen

Unter einer „Vokalharmonie“ versteht man jede Angleichung von Vokalen an den Artikulationsort und die Artikulationsweise eines anderen Vokals.
 
Das heißt die Vokalharmonie steuert Abfolgen und eventuell Umwandlungen der Vokale in einzelnen Wörtern.
 
Diese Umwandlungen kommen dann vor, wenn alle Vokale eines Wortes zur selben Art von Vokalen gehören.
 
Im Türkischen unterscheidet man zwei Arten von Vokalen:
helle (vordere) und dunkle (hintere oder ungerundete) Vokale.
 
Zu den dunklen Vokalen zählt man: a, ı, o und u.
Sie entstehen im hinteren Bereich des Mundraums.
Zu den hellen Vokalen zählt man: e
, i, ö, und ü.
Sie werden vorne im Mundraum gebildet.

 
Mit Hilfe der folgenden Tabelle können Sie durch lautes Aussprechen der Beispielwörter die Unterschiede zwischen hellen und dunklen Vokalen vergleichen.
 
oda (das Zimmer), odalar (die Zimmer) gece (die Nacht), geceler (die Nächte)
hanım (die Dame, die Frau), hanımlar (die Damen, die Frauen) güneş (die Sonne), güneşler (die Sonnen)
hatıra (das Souvenir), hatıralar (die Souvenirs) deniz (das Meer), denizler (die Meere)

 
Bestimmt ist Ihnen bei der Aussprache der Wörter etwas aufgefallen!
 
Richtig, für das türkische Sprachempfinden hört es sich einfach besser an, wenn nur helle oder nur dunkle Vokale in einem Wort vorkommen. Und genau dafür sorgt die kleine Vokalharmonie!
 
So zum Beispiel auch bei der Pluralbildung der Wörter, die im Türkischen je nach vorangegangenem hellen oder dunklen Vokal mit (den Morphemen) -lar oder -ler gebildet werden.
 
Der Vokal des Suffixes lautet entsprechend dem letzten Vokal des Wortes, an den das Suffix tritt:
a - ı - o – u → a
e – i – ö – ü → e

 
Die kleine Vokalharmonie tritt nicht nur bei der Pluralbildung im Türkischen auf, sondern auch bei den Suffixen des Lokativs (-de/-da), des Ablativs (-den/-dan), sowie bei den Kasusendungen des Dativs (-e/-a).
 
Schauen Sie sich dazu die folgende Tabelle an.
 
Plural ev
oda
evler
odalar
Häuser
Zimmer
Dativ ev
oda
eve
odaya*
nach Hause
in das Zimmer
Lokativ ev
oda
evde
odada
im Haus
im Zimmer
Ablativ ev
oda
evden
odadan
aus dem Haus
aus dem Zimmer

 
*In diesem Fall hat sich zwischen dem Wort und seinem Suffix der Füllkonsonant y eingeschlichen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung:
 
Beim Anhängen von Suffixen an ein Wort vermeidet das Türkische das Aufeinanderstoßen von zwei Vokalen. Endet zum Beispiel das Wort auf einen Vokal, so werden als Füllkonsonanten n, s, ş oder y zwischen Suffix und Wort eingefügt.
 

Die große Vokalharmonie im Türkischen

Wie Sie bereits gesehen haben, unterliegen einige grammatische Phänomene im Türkischen der kleinen Vokalharmonie.
 
Andere wiederum unterliegen der großen Vokalharmonie. Diese tritt bei den Suffixen der Kasusendung im Genitiv und Akkusativ, bei allen Personal- und Possessivendungen, sowie bei den Ordnungszahlen und dem Fragepartikel -mi auf.
 
In der folgenden Tabelle finden Sie Beispiele für das Schema der großen Vokalharmonie anhand der Personalendung für die erste Person Singular -im:
 
Der letzte Vokal eines Wortes ist Der letzte Vokal eines Wortes ist
e oder i Sekrterim Ich bin Sekretärin. a oder ı Avukatım Ich bin Rechtsanwalt.
İngilizim Ich bin Engländer. Fransızım Ich bin Franzose.
ö oder ü Şöförüm Ich bin Chauffeur. o oder u Doktorum Ich bin Arzt.
Türküm Ich bin Türke. Rusum Ich bin Russe.

 
Wie Sie sehen, können diese Suffixe in vierfacher Form vorkommen:
in unseren Beispielen finden Sie die Suffixe im, ım, um, üm.
 
Deswegen spricht man bei der großen Vokalharmonie ebenfalls von der vierförmigen Suffixvokalharmonie im Vergleich zur zweiförmigen Suffixvokalharmonie bei der kleinen Vokalharmonie (beispielsweise -lar und -ler bei der Pluralbildung).
 
Als Faustregel für die große Vokalharmonie können wir nun Folgendes zusammenfassen:
e und i → i
ö und ü → ü
a und ı → ı
o und u → u

 
Nach dem selben Prinzip funktioniert auch die Vokalangleichung für die Bildung des Akkusativs und des Genitivs, sowie alle Possessivendungen. Die folgende Tabelle zeigt Ihnen exemplarisch die Bildung der Ordnungszahlen, die ebenfalls der großen Vokalharmonie unterliegt:
 
Kardinalzahl Ordnungszahl
eins: bir erster: birinci
drei: üç dritter: üçüncü
sechs: altı sechster: altıncı
neun: dokuz neunter: dokuzuncu

 
Viel Spaß beim Türkischlernen wünscht Ihnen
 
die Redaktion von Sprachenlernen24
 

 
 

Über den Autor

Arnold Tolnai ist in Rumänien geboren und wuchs dreisprachig mit Rumänisch, Ungarisch und Deutsch auf. Während seiner Auslandsaufenthalte in Ungarn und Spanien lernte er Spanisch und verbesserte seine Ungarisch-Kenntnisse. Er spricht fließend Englisch und verfügt über Grundkenntnisse in Französisch und Italienisch.
 
Während seines Studiums der Romanistik, der Europäischen Ethnologie und der Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München setzte er sich intensiv mit dem Bereich der Interkulturellen Kommunikation und der Medienforschung auseinander.
 
Zu seinen Aufgaben bei Sprachenlernen24 gehören die Entwicklung neuer Sprachkurse und Lernkonzepte, die Mitarbeit am Expertenblog zum Thema Sprachenlernen und die Betreuung laufender Kursprojekte. Neben der Tätigkeit bei Sprachenlernen24 arbeitet er als Dolmetscher und Übersetzer für örtliche Behörden, sowie für diverse Medienverlage im In- und Ausland.
 
Wenn er in seiner Freizeit nicht gerade auf Erkundungstour in Osteuropa unterwegs ist, findet man Arnold auf einem kulinarischen Wahrnehmungsspaziergang zwischen Viktualienmarkt und Praterinsel.

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