Grammatik immer im Kontext mit Landeskunde lernen


 
von Christine Tettenhammer
 
Grammatik lernen heißt immer auch Landeskunde lernen und kulturellen Hintergrund recherchieren. Oft erklärt Hintergrundwissen über das Land, die Kultur, die Religion und die Bräuche der Menschen vieles in der Grammatik der Sprache.
 

 
Hier stellen wir Ihnen zwei interessante Beispiele vor:
 

Ich, du, er, sie, es: Die Personalpronomen im Thailändischen

Nennen wir zuerst die Fakten:
 
Im Thailändischen gibt es ...
 
... 25 Personalpronomen für die erste Person Singular – das macht also 25 Wörter, mit denen man ich sagen kann.
... 22 Personalpronomen für die zweite Person Singular – das sind also 22 unterschiedliche Wörtchen, um du zu sagen.
... 8 Personalpronomen für die dritte Person Singular – das sind überschaubare acht Arten, um er, sie oder auch es zu sagen.
 
Diese Fülle von Personalpronomen ist rekordverdächtig. Das gibt es in keiner anderen Sprache der Welt. Diese Vielzahl von Personalpronomen lässt sich über den Hintergrund der thailändischen Kultur erklären:
 
In Thailand findet Kommunikation grundsätzlich auf verschiedenen Ebenen statt. Die Menschen sind sich sehr bewusst, in welcher Situation und auf welcher gesellschaftlichen Ebene sie sich mit jemandem unterhalten.
 
Dies rührt daher, dass die thailändische Gesellschaft ursprünglich stark hierarchisch gegliedert war. Auch wenn sich diese Trennung langsam löst und die Gesellschaftsordnung weniger starr und stattdessen weitaus flexibler wird, hat die alte Ordnung immer noch einen großen Einfluss auf das Denken und Sprechen der Menschen in Thailand.
 
Und so erklärt es sich, dass man im Thailändischen unterscheiden muss, in welcher gesellschaftlichen Position man sich selbst und die Person mit der man spricht befindet, um immer das korrekte Personalpronomen auszuwählen und den richtigen Ton zu treffen.
 

Gestern und morgen – ein interessantes Beispiel aus dem Hindi

Lassen Sie uns nun ein wenig Hindi lernen!
 
Wenn Sie sich näher mit den Zeitgefüge und den Temporaladverbien im Hindi beschäftigen, stoßen Sie schnell auf eine interessante Tatsache: Die beiden Temporaladverbien „gestern“ und „morgen“ werden mit dem gleichen Wort übersetzt. Es heißt in beiden Fällen कल [kal].
 
Was bedeutet das? Für einen Deutschen gibt es einen ganz klaren Unterschied zwischen einem Gestern (das in der Vergangenheit liegt) und einem Morgen (das uns in der Zukunft erwartet). Ganz anders erfährt ein Hindi-Sprecher dieses Zeitgefüge. Er unterscheidet nicht zwischen dem Gestern, dem Heute und dem Morgen – er unterscheidet nur zwischen einem „Jetzt“ und einem „Nicht-Jetzt“.
 
Diese Unterscheidung hat ihren Ursprung in der indischen Kultur und der Religion des Hinduismus. Der Hinduismus ist die am weitesten verbreitete und aus diesem Grund am stärksten prägende Religion des Landes. Ein zentraler Teil der hinduistischen Lehre ist die Vorstellung eines ewigen Kreislaufes der Wiedergeburt. Wer stirbt, wird wiedergeboren.
 
Und so unterscheidet die Vorstellung im indischen Sprachverständnis nur zwischen einem Jetzt अभी [aabhii] und einem Nicht-Jetzt, dem कल [kal].
 
Wenn man diesen Hintergrund nicht kennt, versteht man auch die Bildung der Zeiten im Hindi bzw. das Verbsystem und seine Zeiten nicht.
 

Was sind Ihre Beispiele?

Bestimmt haben Sie sich beim Lesen der beiden kleinen Beispiele sofort an eigene Erfahrungen und interessante Fakten erinnert, auf die Sie beim Lernen Ihrer Fremdsprache gestoßen sind.
 
Versuchen Sie deshalb nicht nur Grammatik zu lernen, sondern immer auch etwas über das Land, die Menschen und seine Kultur zu erfahren, wenn Sie sich mit einer neuen Sprache beschäftigen.
 
Viel Spaß beim Reisen und Lernen wünscht
 
die Redaktion von Sprachenlernen24
 

 
 

Über die Autorin

Christine Tettenhammer ist Chefredakteurin bei Sprachenlernen24.
 
Zusammen mit ihrem Redaktionsteam verantwortet sie den Sprachenlernen24-Blog, betreut die redaktionelle Erarbeitung der Grammatiken und entwickelt neue Softwarekonzepte.
 
Christine hat von 1999 bis 2004 Kommunikationswissenschaft, Amerikanistik und Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert.
Sie ist ausgebildete Sprecherin und leiht all unseren Deutschaufnahmen ihre Stimme.
In ihrer Freizeit findet man Christine auf Münchens ältester, noch spielender Laienbühne.
 
Sie spricht Englisch, Bairisch, Portugiesisch und Spanisch – verfügt außerdem über erweiterte Grundkenntnisse in Französisch, Kroatisch und Chinesisch.
 
Wenn Christine ins Kino geht, schaut sie sich Filme am liebsten im Original an.
Ihre Liebe zu Büchern in der Originalsprache bekommen auch ihre Bücherregale zu spüren, deren Regalbretter nicht nur an deutschen Autoren schwer zu tragen haben, sondern auch reich befüllt sind mit Werken von Burrhus Frederic Skinner, Philip Roth, Jonathan Safran Foer, Fernando Pessoa, Jorge Amado und vielen anderen.

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