Grundlagen und Faktoren des Fremdsprachenerwerbs


 
von Konstanze Faßbinder
 
In unserem letzten Blogartikel haben wir Ihnen vorgestellt, wie man das Lernen an sich erklärt und welche verschiedenen Lerntheorien es gibt. An dieses Thema möchten wir nun anknüpfen, indem wir uns mit den Voraussetzungen für das Lernen einer neuen, fremden Sprache befassen.
 

 

Biologische Grundlagen des Fremdsprachenerwerbs - das Gehirn

Beginnen wir zunächst mit den - das Großhirn betreffenden - biologischen Voraussetzungen. Ab dem dritten oder vierten Lebensjahr sind die neuronalen Strukturen, die sich beim Erlernen der Muttersprache entwickeln, vorhanden und verändern sich kaum mehr. Deshalb müssen nachzeitig gelernte Sprachen, d.h. Sprachen, die man nach diesem Alter lernt, in diese bestehenden Strukturen integriert werden.
 
Jedoch gibt es Parallelen bei der lokalen Verarbeitung einer nachzeitig gelernten Sprache im Gehirn zu jener der Erstsprache: Bei beiden hat die rechte Hemisphäre, also der rechte Teil des Gehirns, zu Beginn des Lernens eine leitende Funktion, die jedoch bei zunehmender Sprachkompetenz abnimmt und sich schließlich in die linke Hemisphäre verlagert.
 
Neben den Entwicklungen im Großhirn spielt auch das Zwischenhirn, das sogenannte limbische System, eine wichtige Rolle. Dieses System ist verantwortlich für emotionale Vorgänge, die, mit Lernprozessen verbunden, eine längere Speicherung bewirken. Außerdem beeinflusst das limbische System die Aufmerksamkeitsspanne, die Sprechflüssigkeit und die Motivation des Lerners. Deshalb sollten Sprachlernprozesse eine limbische Fundierung haben, d.h. der Lerner sollte dem Spracherwerb positiv gegenüber stehen und auch etwas mitteilen wollen.
 
Obwohl die für die Sprache verantwortlichen neuronalen Strukturen nach dem vierten Lebensjahr fertig entwickelt sind, ist die Annahme falsch, dass mit zunehmenden Lebensalter (und vor allem nach der Pubertät) eine fremde Sprache nicht mehr „richtig“ erlernt werden könne. Man hat nämlich herausgefunden, dass biologische Reifungsprozesse nur bedingt den Spracherwerb beeinflussen. Auch andere Faktoren, wie der investierte Zeitaufwand, der kognitive Entwicklungsstand und sozialpsychologische Faktoren sind für den Lernerfolg mit verantwortlich.
 

Die Lernsituation – formell oder informell?

Die Situation, in welcher der Lerner eine Fremdsprache erwirbt und die in ihr gebrauchte Sprache haben Einfluss auf den Lernerfolg. Für erwachsene Lerner ist es - im Gegensatz zu Kindern - einfacher, in formellen Lernsituationen zu lernen. Informelle Kontaktsituationen, in denen sie sich befinden, sind nämlich häufig komplexer als die von Kindern (hierbei handelt es sich meist um Spielsituationen), womit die Sprachaneignung erschwert wird. Für erwachsene Lerner ist es deshalb von Vorteil, in einer strukturierten, formellen Lernsituation zu lernen.
 

Die Muttersprache – Freund oder Feind beim Fremdsprachenlernen?

Eine weitere Gegebenheit, die beim Lernen einer fremden Sprache mit hineinspielt, ist die eigene Muttersprache. Bei verwandten Sprachen finden sich häufig ähnliche und damit vertraute Strukturen und Elemente der eigenen Muttersprache in der Zielsprache wieder, was dem Lerner ermöglicht, auf bestehende Fähigkeiten zurückzugreifen, die er schon während des Erstsprachenerwerbs entwickelt hat.
 
Dies erleichtert eine kognitive Erfassung, Verarbeitung und Speicherung des Lernstoffes. Zudem erscheint die neue Sprache vertrauter und wird auf diese Weise mit positiven Gefühlen verbunden. Solche Ähnlichkeiten können aber auch trügerisch sein, da man schnell Leichtsinnsfehler macht.
Trotzdem ist die Erstsprache eine wichtige Voraussetzung für das Erlernen weiterer Fremdsprachen; ihr Einfluss ist umso größer, je mehr Ähnlichkeiten existieren. Zusammenfassend kann man sagen, dass man beim Lernen verwandter Sprachen die bekannten Strukturen abändern muss, beim Lernen entfernter Sprachen Strukturen neu aufbauen und verstehen muss.
 

Die kognitiven Voraussetzungen des Fremdsprachenlernens

Beim Lernen einer Sprache ist man immer wieder gezwungen, Probleme zu lösen. Dies wirkt sich positiv auf den Lernprozess aus, denn so erlangt der Lerner besondere Fähigkeiten, um effektiv und auf neue Art zu Denken. Er lernt es, Begriffe zu bilden und wahrzunehmen, zu abstrahieren und schlusszufolgern. Ergebnis davon ist, dass mehrsprachige Menschen bei anstehenden Problemen flexibler reagieren und leichter Lösungen finden als beispielsweise ein Mensch, der lediglich eine Sprache beherrscht.
 
Der Lernweg beim Erwerb einer zweiten Sprache ist – wie bereits erwähnt - abhängig vom Entwicklungsstand der Erstsprache, da Lerner automatisch auf die beim Erstsprachenerwerb entwickelten Fähigkeiten zurückgreifen. Diese müssen den neuen Aufgabe angepasst werden, wobei gleichzeitig die Erstsprache neu entdeckt und damit auch bewusster gebraucht wird – man muss sich das vorstellen, wie eine Art ‚Werkzeug zum Denken‘. Mit diesem bewussten Gebrauch gehen metakognitive und metasprachliche Fähigkeiten einher, durch welche die Lerner sich bei Problemen rascher orientieren und flexibler reagieren können. Generell ist es so, dass man sich beim Erlernen einer neuen Sprache leichter tut, je besser man die eigene Muttersprache beherrscht.
 

Sozialpsychologische Faktoren

Was nicht zuletzt für einen erfolgreichen Lernprozess wichtig ist, ist die Lust am Umgang mit der zu lernenden Sprache. Sie wirkt sich motivierend und anregend auf den Lerner aus, was eine intensivere Beschäftigung mit der Sprache und ein intensiveres Sich-Bemühen zur Folge haben wird. Dies wiederum beschleunigt in der Regel den Spracherwerb. Auch die Freude darüber, sich mit anderen Menschen verständigen zu können, wirkt sich positiv auf den Lernerfolg aus.
 
All diese Faktoren wirken zusammen und sind gemeinsam verantwortlich für den Erfolg bzw. Misserfolg des erwachsenen Lerners beim Fremdsprachenerwerb.
 
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