Rumänisch-Deutsche Sprichwörter


 
von Arnold Tiberiu Tolnai
 
Einige Sprichwörter und Lebensweisheiten sind überall auf der Welt bekannt. Andere hingegen sind nur in bestimmten Ländern und Regionen anzutreffen. Sie verraten daher so einiges über Mentalität und Kultur der dort lebenden Menschen.
 
Auf der ganzen Welt wird wohl kaum jemand einem geschenkten Gaul ins Maul schauen, Lügen haben immer kurze Beine und das Eisen muss geschmiedet werden, solange es noch heiß ist. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und kommt mit Sicherheit weit, wenn er nur früh genug aufsteht.
 
Im Deutschen wie im Rumänischen hat man das, was man nicht im Kopf hat, in den Beinen, Kleider machen Leute, den wahren Freund erkennt man in der Not und stille Wasser sind tief. Es gibt ein Dutzend sinngleiche Sprichwörter, nur die Art, wie sie erzählt werden, unterscheidet sie.
 
So haben zwar lange Reden einen kurzen Sinn, doch führen sie im Rumänischen auch zur Armut des Menschen, da man nicht schnell genug auf den Punkt kommt. Aber gut Ding will ja schließlich Weile haben und so sagen die Rumänen, dass der Wein ganz lange braucht, bis er zu Essig wird oder dass sich der Bauernwagen nur Heugabel für Heugabel beladen lässt.
 
Wer im Glashaus sitzt, soll bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Sollte jemand in Rumänien den Anschein erwecken doch mit Steinen zu werfen, muss er damit rechnen mit einer Scherbe verglichen zu werden, die einen kaputten Tonkrug auslacht. Und wenn der Teufel nur dorthin macht, wo die Äcker bereits gedüngt sind, heißt es umgekehrt bei den Rumänien, dass beim Armen selbst die Ochsen nicht ziehen wollen.
 

Kuriose rumänische Sprichwörter

„Cui pe cui se scoate“
 
Ein sehr bekanntes rumänisches Sprichwort besagt, dass sich ein Nagel mit einem weiteren Nagel herausschlagen lässt. Hierbei denken die Rumänen an kopflose Holznägel, die früher für den Bau alter Bauernhäuser eingesetzt wurden. Wurde ein Nagel auf den anderen gesetzt, konnte so der versenkte Nagel wieder herausgeschlagen werden.
 
Benützt man in Rumänien dieses Sprichwort, so will man damit ausdrücken, dass Gleiches nur mit Gleichem bewältigt werden kann: Einer Leidenschaft kehrt man den Rücken, sobald man eine neue gefunden hat oder eine alte Liebe wird erst dann vergessen, wenn man sich erneut verliebt hat.
 
Das Sprichwort, so alt es auch sein mag, hat auch eine moderne Verwendungsweise gefunden: So wird es beispielsweise dann benützt, wenn jemand seine Arbeitsstelle auf die selbe Art und Weise verliert, wie er zu ihr gekommen ist (auf eine unehrliche Art also).
 
„S-a dus pe apa Sâmbetei“ (Es ist mit dem Samstags-Gewässer gegangen.)
 
In der rumänischen Mythologie bezeichnet man mit dem Ausdruck des Samstag-Gewässers die Ozeane der Welt, die die gesamte Erde umfassen. Je nach Region, ist das Samstag-Gewässer in Rumänien Symbol für die Hölle oder für das Reich Gottes. Die Seelen der Verstorbenen sollen dem Lauf der Flüsse bis in deren Mündung in die Samstag-Gewässer folgen, die Erde drei Mal umrunden um dann schließlich ins Jenseits befördert zu werden.
 
Das ist der Grund, warum sich viele Rumänen bekreuzigen, bevor sie aus einer Wasserquelle trinken: Um keine verstorbene Seele zu „trinken“. Heutzutage wird diese Redensart verwendet, wenn man etwas sinnlos verschwendet hat oder eine Angelegenheit einen falschen Lauf genommen hat.
 
Hier haben wir noch die Entsprechungen aller oben im Text beschriebenen Sprichwörter für Sie aufgezeichnet:
 

Rumänische Sprichwörter

Calul de dar nu se caută la dinţi.Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
Minciuna are piciore scurte.Lügen haben kurze Beine.
Bate fierul cât e cald.Schmiede das Eisen solange es noch heiß ist.
Norocu-i după cum şi-l face omul.Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.
Cine se trezeşte de dimineaţa departe ajunge.Wer weit kommen will, muss früh aufstehen.
Unde nu-i cap, vai de picioare.Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen.
Prietenul la nevoie se cunoaşte.Wahre Freunde erkennt man in der Not.
Apele liniştite sunt adânci.Stille Wasser sind tief.
Vorba lungă sărăcia omului.Lange Rede, kurzer Sinn.
Încetul cu încetul se face oţetul. Numa-ncet cu furca se încarca carul.Gut Ding will Weile haben.
Râde ciob de oală spartă.Der Teufel macht nur dorthin, wo schon gedüngt ist.

 

 
 

Über den Autor

Arnold Tolnai ist in Rumänien geboren und wuchs dreisprachig mit Rumänisch, Ungarisch und Deutsch auf. Während seiner Auslandsaufenthalte in Ungarn und Spanien lernte er Spanisch und verbesserte seine Ungarisch-Kenntnisse. Er spricht fließend Englisch und verfügt über Grundkenntnisse in Französisch und Italienisch.
 
Während seines Studiums der Romanistik, der Europäischen Ethnologie und der Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München setzte er sich intensiv mit dem Bereich der Interkulturellen Kommunikation und der Medienforschung auseinander.
 
Zu seinen Aufgaben bei Sprachenlernen24 gehören die Entwicklung neuer Sprachkurse und Lernkonzepte, die Mitarbeit am Expertenblog zum Thema Sprachenlernen und die Betreuung laufender Kursprojekte. Neben der Tätigkeit bei Sprachenlernen24 arbeitet er als Dolmetscher und Übersetzer für örtliche Behörden, sowie für diverse Medienverlage im In- und Ausland.
 
Wenn er in seiner Freizeit nicht gerade auf Erkundungstour in Osteuropa unterwegs ist, findet man Arnold auf einem kulinarischen Wahrnehmungsspaziergang zwischen Viktualienmarkt und Praterinsel.

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