Phasen der Sprachentwicklung bei zweisprachiger Erziehung


 
von Christoph Gollub
 
Kinder, die von Geburt an zweisprachig erzogen werden, durchlaufen typischerweise drei Entwicklungsstufen, in denen die beiden Sprachen allmählich als zwei eigenständige Systeme begriffen werden.
 
Zunächst kommt es zu einer Vermischung der beiden Sprachen.
 
Dann folgt das Unterscheiden zwischen beiden Sprachen.
 
In der dritten Phase schließlich haben die Kinder gelernt, vollkommen zwischen beiden Sprachen zu unterscheiden und behandeln die Sprachsysteme getrennt voneinander.
 

Phase 1: Vermischung (bis zu einem Alter von drei Jahren)

In den ersten Lebensjahren können die Kinder noch nicht zwischen den beiden Sprachen unterscheiden. Wenn sie reden, verwenden die Kinder – unabhängig von der Sprache ihres Gegenübers – eine gemischte Version beider Sprachen. Beide Sprachen werden noch nicht als unterschiedliche und eigenständige Systeme mit individuellem Wortschatz und einzigartiger Grammatik wahrgenommen. Stattdessen scheinen beide Sprachen miteinander zu einer Einheit verschmolzen zu sein.
 
Häufig treten während dieser Phase bei den Eltern Zweifel auf, ob die zweisprachige Erziehung wirklich förderlich für ihr Kind ist und ob es letztlich beide Sprachen korrekt und gleichberechtigt nebeneinander erlernen wird.
 
Durch diese Ängste wiederum begehen Eltern nun oft den Fehler, ständig ihr Kind zu korrigieren, auf das richtige Wort aufmerksam zu machen oder es zu einer einheitlichen Verwendung der beiden Sprachen zu drängen.
 
Hierdurch kann jedoch das Kind zu stark verunsichert werden und die Freude am Sprachenlernen kann nachhaltig getrübt werden. Zudem wird durch eine ständige Sprachkorrektur die Aufmerksamkeit vom Inhalt des Gesagten abgelenkt, der jedoch für die Kinder weit wichtiger ist, als wie sie etwas gesagt haben. Damit führen diese Erziehungsmaßnahmen häufig gerade erst zu jenen Effekten, die die Eltern ursprünglich befürchtet und zu verhindern versucht hatten.
 
Stattdessen empfiehlt es sich, das Kind in beiden Sprachen gleichermaßen zu fördern und über Sprachvermischungen liebevoll hinwegzusehen.
 
Als sinnvoll zeigt sich dabei eine konsequente personale Trennung der beiden Sprachen: Wenn ein Elternteil immer in der einen, der andere immer in der anderen Sprache mit dem Kind spricht, lernt es leichter den Unterschied und die Verschiedenartigkeit beider Sprachen erkennen.
 

Phase 2: Differenzierung (ab etwa zwei Jahren)

Wenn das Kind etwa zwei Jahre alt ist, geht allmählich die Vermischung in die zweite Stufe der Sprachentwicklung über: in die Differenzierung.
 
Langsam erfassen die Kinder, dass es sich bei den beiden Sprachen um zwei unterschiedliche Kommunikationssysteme handelt. So sind die Kinder nach und nach in der Lage, je nachdem, mit wem sie sprechen, den passenden Begriff für eine Sache in der richtigen Sprache zu verwenden. Hierbei hilft ihnen auch, dass ihr Wortschatz bereits soweit ausgeprägt ist, dass sie auf gleichbedeutende Begriffe aus beiden Sprachen zurückgreifen können.
 
Schwierigkeiten haben die Kinder während dieser Entwicklungsstufe hingegen noch häufig mit der Grammatik. So werden entweder die grammatischen Phänomene der einen Sprache auch auf die andere übertragen oder es kommt zu grammatischen Mischstrukturen.
 
Wie auch in den ersten beiden Lebensjahren des Kindes, ist es auch während dieser Phase ratsam, auf solche Sprachmischungen mit Toleranz zu reagieren. Hier sollte man vielmehr durch gutes Vorbild vorangehen, d.h. die Eltern sollten auf die korrekte Anwendung beider Sprachen vor allem bei sich selbst achten.
 

Phase 3: Trennung (ab etwa drei Jahren)

Ab einem Alter von etwa drei Jahren setzt Schritt für Schritt der letzte Entwicklungsschritt der Zweisprachigkeit ein: die Kinder lernen, zwischen beiden Sprachsystemen zu unterschieden und beide Sprachen voneinander zu trennen und deren Eigenständigkeit zu erkennen.
 
Die Kinder haben nun langsam ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass sie tatsächlich zweisprachig sind und können je nach Situation die passende Sprache verwenden.
 

Resümee

Die Entwicklungen, die ein Kind bei einer zweisprachigen Erziehung durchlebt, mögen für Eltern manchmal irritierend sein und Ängste wecken, dass sie ihr Kind überfordern und ihm keine der beiden Sprachen richtig beibringen werden.
 
Wenn Sie jedoch eine zweisprachige Erziehung gut vorbereitet und informiert angehen, ist die Chance sehr hoch, dass Ihr Kind einmal beide Sprachen auf muttersprachlichem Niveau sprechen wird.
 
Stets im Hinterkopf sollten Sie dabei behalten, dass Sie Ihr Kind nicht unnötig unter Druck setzen sollten: Ihrem Kind sollte vielmehr die Möglichkeit gegeben werden, beide Sprachen spielerisch und kindgerecht für sich zu entdecken.
 

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Über den Autor

Christoph Gollub (34) hat Pädagogik an der Universität Regensburg studiert sowie ein Zusatzstudium in Interkultureller Handlungskompetenz absolviert und ist seit dem Jahr 2006 in der Redaktion von Sprachenlernen24 tätig.
 
Zu seinen Aufgaben gehören die Mitarbeit am Sprachenlernen24-Blog, die Entwicklung neuer Sprachkurse und Lernkonzepte, redaktionelle Arbeiten und die Betreuung laufender Kursprojekte.
 
An Fremdsprachen spricht er fließend Englisch und Französisch.
Daneben hat er Grundkenntnisse in Spanisch und Polnisch.
Durch die Betreuung verschiedener neuer Sprachkurs-Projekte hat er sich zudem Basiskenntnisse in Arabisch, Hebräisch, Tschechisch und Russisch angeeignet.
 
Zu seinen privaten Leidenschaften gehören das Reisen, die Musik sowie lesen und Rad fahren.
 

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